In den Schuhen des Anderen gehen
Ich verstehe nicht, was du sagst.
Es klingt fremd und so wenig wahr.
Du siehst meine Situation nicht.
Hast keine Ahnung, wie es ist, ich zu sein und dich zu sehen. So wütend.
In deinen Schuhen gehen könnte ich nie.
Was sollte ich da.
Müsste ich versuchen.
Ausprobieren, studieren, sehen, wie es dort ist.
In deinen Schuhen sollte ich mal gehen.
Ich gehe einen Schritt.
Und dann noch einen.
Und noch einen um die Ecke.
Dorthin, wo du mir begegnest.
Es zieht mich hinein in dein Leben.
In deine Wahrheit.
In deinen Blick auf mich.
Ich spüre, was du spürst, wenn du mich siehst.
Deine Wut, deine Angst, deinen Schmerz.
Deine leise Hoffnung auf Versöhnung.
Mit mir.
Du siehst so viel mehr als ich je wusste. Je ahnte.
Du gehst auf mich zu.
Meine Wut wird klein.
Die leise Hoffnung auf Versöhnung wird lauter.
Ich verstehe jetzt, was du sagst.
Es klingt vertraut und genauso wahr.
Ich verstehe jetzt: den Weg in deinen Schuhen zu gehen ist der einzige Weg, um aufeinander zuzugehen.
Dieser Text entstand in der Schreibwerkstatt „Frieden – Schreiben gegen die Ohnmacht“, die von der Evangelischen Allianz Deutschland gemeinsam mit der Schreibpädagogin Amelie Rick durchgeführt wurde.
